Marie Lu im Gespräch

Legend wird aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt, der von June und der von Day. Haben Sie das von Anfang an so geplant oder hatten Sie auch andere Erzählstrukturen ins Auge gefasst?

Für mich stand von Anfang an fest, dass ich Legend aus der Perspektive von zwei Ich-Erzählern schreiben wollte. Diese Erzählweise habe ich schon damals in der Highschool gerne verwendet, als ich zur Übung erste Texte verfasste. Ich-Erzählungen mochte ich schon immer am liebsten, weil ich auf diesem Weg direkt in die Köpfe meiner Charaktere schlüpfen kann. Im Fall von Legend wollte ich so zeigen, wie verschieden das Leben von June und Day ist. Außerdem gefiel mir die Idee, damit zu spielen, dass June und Day beide sowohl die Helden als auch die Gegenspieler sind − je nachdem, von wessen Standpunkt aus man die Geschichte liest.

Was war die Inspiration zu Legend?

Legend wurde von zwei Dingen inspiriert:

1) Ich hatte einen Artikel darüber gelesen, wie die Welt aussehen würde, wenn die Polkappen komplett schmelzen und unsere Ozeane um 100 Meter ansteigen würden. In dem Artikel gab es auch die Grafik einer Weltkarte, die diesen Zustand abbildete. Es war faszinierend und verstörend, zu sehen, wie unsere Landschaften sich verändert hatten − zum Beispiel war ganz Europa im Meer versunken, der komplette Südosten der USA war weg und das riesige Stück von Los Angeles bis San Francisco war ein einziger gigantischer See. Da ich selbst in Los Angeles lebe, fand ich es interessant, mit so einem Setting zu arbeiten und meine Heimatstadt ein bisschen auf den Kopf zu stellen. Es hat ziemlich viel Spaß gemacht, Teile der Stadt zu fluten, die ich gut kenne :-)

2) Der eigentliche Plot und die Charaktere sind mir eines Nachmittags eingefallen, als ich eine Filmversion von Les Miserables im Fernsehen gesehen habe. Ich wollte schon immer mal über einen Verbrecher im Teenageralter schreiben, und während ich Les Miserables schaute, kam mir der Gedanke, dass es Spaß machen würde, eine Teenager-Variante von Jean Valjean (dem Gauner aus dem Musical) und Javert (dem Kriminalbeamten aus dem Stück) zu entwerfen.

Welcher der Charaktere ist Ihnen am sympathischsten und warum?

Ich muss zugeben, dass mir Day am meisten ans Herz gewachsen ist! Sein Charakter hat mir schon seit der Highschool im Kopf herumgespukt − ich habe als Teenager sogar einen Fantasyroman geschrieben, in dem er der Held war. Ich mag einfach diese Vorstellung von einem Ganoven mit einem Herz aus Gold, und genau so sollte Day sein. Mir fällt es wirklich leicht, seine Stimme einzufangen, er ist wie ein alter Freund für mich.

Das Schreiben fantastischer Romane, insbesondere das Kreieren dystopischer Settings verlangt vom Autor eine neue Welt zu erschaffen, in der ganz neue Spielregeln herrschen. Was war für Sie der spannendere Part beim Schreiben: Der Aufbau dieser "neuen Welt" oder die Ausgestaltung der Charaktere?

Ich liebe es, neue Charaktere zu entwickeln! Es ist mein absoluter Lieblingsteil des ganzen kreativen Vorgangs und es ist auch immer das Erste, womit ich anfange. Ich denke mir gerne zuerst meine Figuren aus und nutze ihre Persönlichkeiten dann als Grundlage für die Handlung und die Ausgestaltung der Welt, in der sie leben. Meiner Meinung nach steht und fällt alles mit den Charakteren. Day ist ein Verbrecher, der dabei aber ein guter Mensch ist, und um das zu zeigen, habe ich ihn in ein Gesellschaftssystem gesetzt, in dem das Befolgen der Gesetze bedeutet, schreckliche Untaten zu begehen. Und es war mir wichtig, June als einen Menschen zu zeigen, der zwar ein gutes Herz hat, aber von einer schlechten Gesellschaft einer Gehirnwäsche unterzogen wurde. Ich glaube, dass die Protagonisten einer Geschichte entscheidend dazu beitragen, die Welt in allen möglichen Facetten zu zeigen.

Haben Sie literarische Vorbilder?

Oh, absolut! J. K. Rowling hat mich immer schon inspiriert − dabei ist mein Lieblingswerk von ihr nicht die Harry Potter-Reihe, sondern ihre Harvard-Abschlussrede, die mich auf wirklich viele Arten angespornt hat. Ich bin auch ein großer Fan von Brian Jacques, dem Autor der Redwall-Saga. Durch seine Bücher habe ich das Fantasy- und Science-Fiction-Genre kennengelernt, die mich als Autorin (und Leserin) stark geprägt haben.

Legend entfachte bereits vor Veröffentlichung einen Hype, den inzwischen nicht nur die New York Times für absolut gerechtfertig hält − haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Mir schwirrt immer noch der Kopf! In meinen wildesten Träumen hätte ich mir nicht ausgemalt, dass Legend auch nur halb so viel Aufmerksamkeit bekommt, und jeden Tag aufs Neue bin ich deswegen ganz baff, aber auch dankbar. Manchmal muss ich mich selbst kneifen, um sicherzugehen, dass das alles tatsächlich passiert. Es ist eine ganz unglaublich tolle Erfahrung.

Auf Ihrer Homepage finden wir zahlreiche manga-ähnliche Zeichnungen und Illustrationen zu Legend. Welche Rolle spielt für Sie die Visualisierung von Literatur?

Bevor ich das Schreiben zum Beruf machte, habe ich als Künstlerin in der Videospiele-Branche gearbeitet. Deswegen bin ich auch sehr visuell veranlagt und kann keine neue Geschichte schreiben, ohne vorher einen groben Entwurf meiner Figuren zu machen. Beim Schreiben stelle ich mir die verschiedenen Szenen in meinem Kopf wie einen Film vor und schreibe quasi auf, was ich sehe.

Welche Paare in der Literatur, abgesehen von Day und June, mögen Sie besonders?

Das ist eine schwere Frage − es gibt so viele! Mal sehen ... Ich liebe Mia und Adam aus Gayle Formans Wenn ich bleibe und Lovesong. Ihre Romanze hat mich so was von zum Heulen gebracht! Joscelin und Phedre aus Jacqueline Careys Kushiel-Reihe gehören auch zu meinen Lieblingen. Und ich vergöttere Sydney Carton aus Eine Geschichte aus zwei Städten, obwohl Lucie Manette seine Liebe nie wirklich erwiderte. Aber lass dich trösten, Syndey − dafür liebe ich dich!